Warum jede Frau eine Kuh ist, aber nicht jede Kuh der Herde folgen muss

Worte

Ich habe die letzten paar Tage in der Gesellschaft von drei sehr unterhaltsamen, cleveren und liebenswürdigen Frauen verbracht – Tara, Cam und Stella. Aber obwohl ich während der vergangenen Woche sehr intensiv in ihre Leben eingebunden war, mit ihnen vor Peinlichkeit und Mitleid geschwitzt und echte Lach- und Wein-Tränen vergossen habe, sind sie doch nur fiktive Charaktere, erdacht von Autorin Dawn O’Porter. Ihr Buch The Cows (seit ein paar Wochen ist es unter diesem Titel auch auf Deutsch erhältlich) ist das Beste was ich dieses Jahr bisher gelesen habe. Es trifft mit seiner Darstellung von Frauen den Nagel so dermaßen exakt auf den Kopf, dass ich mehrfach das Gefühl hatte ich müsse JA! GENAU!! schreien. (Getan habe ich es dann meist doch nur in meinem Kopf, aber das macht ja nichts.)

The Cows erzählt von Frauen. Nicht von den Beziehungen von Frauen mit Männern, das ist ein großer Unterschied. Anders als vieles anderes was als „Frauenliteratur“ vermarktet wird – und von der Problematik dieses Begriffs wollen wir hier erst gar nicht anfangen – dreht sich darin nicht alles um romantische Abenteuer. Es kommen schon Männer vor in dem Buch, und die Frauen um die es geht sind auch durchaus in verschiedenem Maße an diesen Männern interessiert, aber dennoch bleiben die Herren eher im Hintergrund. Vor allem anderen geht es in The Cows um die Fragen und Gedanken die sich in Frauenköpfen abspielen und um die Hindernisse, denen sie im heutigen Leben begegnen.

Der Fragenkomplex, der im Buch (sowie oft auch in der öffentlichen Debatte) am meisten Platz einnimmt, betrifft die Mutterschaft bzw. die Kinderlosigkeit. Auf der ersten Seiten heißt es: „Die Bestimmung einer Kuh ist es, sich konstant entweder im hormonellen Status der Schwangerschaft oder der Milchproduktion zu befinden. Eine Färse dagegen ist einfach nur ein Stück Fleisch, beziehungsweise ein landwirtschaftliches Erzeugnis. Darüber hinaus hat sie anscheinend nicht viel zu bieten. Manch einer würde behaupten, dass sich dies in der menschlichen Gesellschaft und ihrem Blick auf Frauen widerspiegelt.“

Ohne Zweifel scheint es so, dass die Frage, ob eine Frau Kinder hat oder nicht, ein Thema ist was breit von jeder und jedem diskutiert werden darf. Und obwohl vermutlich die meisten Leute, wenn man sie direkt fragte, zustimmen würden, dass die Kinder-oder-keine-Kinder-Entscheidung von jeder Frau für sich getroffen werden darf und soll, ohne Einwirkung von außen, wird diese Thematik in der Realität doch oft anders gehandhabt. Ich habe Freundinnen sagen hören, dass sie Verständnis für Arbeitnehmer haben, die nur zögerlich Frauen zwischen 20 und 45 einstellen, denn würden sie schwanger wäre das ja wirklich ärgerlich. Eine Freundin beschrieb ihre eigene Lage kürzlich als schwierig, denn sie könne ja schlecht nach einer neuen Arbeitsstelle suchen, wenn sie schon wisse, dass sie und ihr Mann in naher Zukunft mit der Schwangerschaftsplanung beginnen wollten. Sie wolle ja schließlich ihre potentiellen neuen Arbeitgeber nicht hinters Licht führen. Wenn Frauen wirklich eine freie Wahl hätten, unbeeinflusst von sozialem und gesellschaftlichem Druck, müssten sie über diesen Konflikt gar nicht nachdenken.

Und die Einwirkung von außen findet nicht nur im beruflichen Umfeld statt. In einer meiner Lieblingsserien, Please Like Me, gibt es eine Szene, die grandios zusammenfasst mit welcher Leichtigkeit Frauen oft zurechtgewiesen und kleingehalten werden, egal für welche Option sie sich entscheiden. Seriencharakter Hannah, gespielt von Comedian Hannah Gadsby, bemerkt ihren Freunden Rose und Stuart gegenüber, dass sie keine Kinder bekommen möchte. Stuart erwidert darauf: „Das ist ja eine Schande, mit den Hüften. […] Du hast doch Hüften für Australien!“ Als sie ihn verbal zurechtweist, versucht er ihre Entgegnung wie eine absolut überzogene Reaktion aussehen zu lassen: „Beruhig dich mal. Ist ja nur eine Beobachtung. Ich wusste ja nicht, dass du da so empfindlich bist. Ich wusste ja nicht, dass du doch Kinder willst,“ woraufhin sie schlichtweg antwortet: „Ich will keine Kinder. Was ich will ist, dass du nicht darüber nachdenkst. Das geht dich nichts an. Gehst du auch zu Rollstuhlfahrern und sagst zu ihnen ‚Oh Sie sollten sich wirklich einen Bürojob suchen, die Hälfte des Mobiliars haben Sie ja schon!‘?“ Ich bin sicher, dass jede Frau mit ähnlichen Kommentaren zu ihrer Eignung Kinder zu gebären oder zu erziehen vertraut ist. Wie oft ich schon den Ausdruck „gebärfreudige Hüften“ gehört habe. Im ersten Jahr nach meiner Hochzeit haben Verwandte und Freunde mich so häufig gefragt ob ich schon schwanger sei, dass ich irgendwann gar nicht mehr mitgezählt habe. Und ich bin sicher, dass das von niemandem böse gemeint war und niemand meine Privatsphäre absichtlich verletzen wollte – die Erkundigungen waren gut gemeint und ehrlich interessiert. Aber mein Körper ist kein Thema, das die Allgemeinheit diskutieren muss. Wenn ich irgendetwas zu diesem Thema zu verkünden oder besprechen habe, werde ich das tun wann immer und mit wem ich möchte. Solange ich das nicht tue, will ich, dass niemand darüber nachdenkt, um es mit Hannahs Worten zu sagen.

Die Charaktere in The Cows kämpfen jede ihren eigenen Kampf mit den Fragen der Mutterschaft. Tara wird vielerorts verurteilt für ihre Entscheidung ihre Tochter Annie alleine großzuziehen, zunächst von den anderen Eltern an Annies Schule, später dann von einer großen Öffentlichkeit. Gleichzeitig muss sie sich auf der Arbeit ständig dafür rechtfertigen, dass sie überhaupt ein Kind hat und nicht jederzeit zur Verfügung stehen kann wie ihre Kollegen. Cam, die keine Kinder hat und auch in Zukunft keine will, wird immer wieder in falsche Schubladen gesteckt; sie muss wohl eine Lesbe sein; oder eine Spätzünderin die erst dann merkt, dass sie Kinder will wenn es dafür zu spät ist; oder eine soziophobische, psychopathische Außenseiterin. Außerhalb dieser Kategorien scheint ihre Einstellung für die meisten ihrer Bekannten einfach unmöglich zu verstehen. Stella, die sich unbedingt ein Baby wünscht, aber krankheitsbedingt wahrscheinlich keins bekommen kann, muss nicht nur ihre eigenen Traumata verarbeiten, sondern wird außerdem immer wieder mit der unendlichen Masse an Fragen, Anekdoten und Erwartungen ihrer Freundin zum Thema Kinder konfrontiert.

In den Gedanken und Unterhaltungen dieser drei Frauen nähert sich The Cows vielen interessante Fragen über die Ethik des Kinderkriegens oder Nicht-kriegens. Ist es eine Verschwendung der Gebärmutter wenn eine Frau keine Kinder bekommt obwohl sie könnte, während Andere so gern wollen, aber es nicht können? Bedeutet auf der anderen Seite Vollzeit-Mutter-Sein eine Verschwendung des eigenen intellektuellen und beruflichen Potentials? Ist es in Ordnung wenn eine Frau jahrelang laut und stolz verkündet sie wolle keine Kinder, nur um dann ihre Meinung zu ändern? Oder andersrum? Ist es in Ordnung einem verflossenen Sexpartner nie Bescheid zu sagen, dass er ein Kind gezeugt hat? Ist es okay von vornherein zu planen, bei einem One-Night-Stand schwanger zu werden?

Ich würde sagen, dass Mutterschaft und Kinderlosigkeit das Hauptthema in diesem Roman sind, aber mit nur ganz knappem Vorsprung. Ein weiterer Kernpunkt in The Cows ist das Internet. Die Charaktere lernen es mal als sanfte Ablenkung und mal als Mittel zur Zerstörung kennen, erfahren aber auch die unendlichen Möglichkeiten die es bietet und sein Machtpotential. Tara erlebt das Internet als ein wildes Biest, dass ihr Offline-Leben kurz und klein haut, ohne, dass sie etwas dagegen tun kann. Cam dagegen verdient ihr Geld mit einem feministischen Lifestyle-Blog und hält sich das Internet so seit Jahren als zahmes Haustier. Stella, zu guter letzt, formt es sich abwechselnd und nach Belieben als tröstendes Kuscheltier, Blindenhund oder Nutztier. Es wird von seiner guten und von seiner schlechten Seite gezeigt, und die Charaktere brauchen unterschiedlich lange bis sie lernen, wie sie es zu ihrem eigenen Vorteil nutzen können.

Über diesen Kampf mit der Technologie und Vernetzung des 21. Jahrhunderts hinaus kommen in dem Roman noch viele viele weitere Fragen auf, die Frauen in Kopf umherschwirren mögen: Die Komplexität von Frauenfreundschaften – einerseits oft mit langwährenden Konflikten und emotionalem Ballast belastet, andererseits Quelle für soviel Liebe und Kraft. Trauer in verschiedensten Formen – Trauer um geliebte Personen, die vor langer oder kurzer Zeit verloren gegangen sind, Trauer um verpasste Chancen, Trauer um eine Vergangenheit, die nicht wiederkommen kann, oder um eine Zukunft, die es nie geben wird. Brust- und Eierstockkrebs und andere Themen aus dem Bereich der Frauengesundheit und -hygiene. Sex natürlich – heißer, dreister, witziger Sex um genau zu sein. Formen der Selbstverwirklichung, und wie wichtig sie ist. Familiäre Beziehungen und Verpflichtungen, zwischen Familienmitgliedern aus allen Generationen. All diese Themen sind extrem relevant und formen zusammen ein nuanciertes Bild vom Frau-Sein heute.

The Cows ist ein sehr sehr kluges Buch, über das man noch lange und gerne nachdenkt, auch nachdem man es durchgelesen und zugeklappt hat. Es ist gleichzeitig witzig und tragisch; es überzieht die schwierigen Situationen weder mit einer Zuckerschicht, noch mit rosa Lack und nimmt Frauen durchweg ernst. Und dabei bleibt es immer so dermaßen spannend und macht eine Message ganz deutlich: Frauen selbst haben das Recht und die Macht, über ihr Leben zu bestimmen. Obwohl Tara, Cam und Stella zu jeder Zeit von allen ihren Mitmenschen analysiert, verglichen und bewertet werden, sind am Ende doch einzig und allein ihre eigenen Ansichten und Taten ausschlaggebend. Kurz: Es sind unsere Entscheidungen, die zählen, und niemand kann gezwungen werden der Herde zu folgen!

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